Freier als frei
Von Jan Spreuk (Lotta # 20)
Sie nennen sich “Autonome Nationalisten Östliches Ruhrgebiet”, “Autonome Nationalisten Westliches Ruhrgebiet” oder “Autonome Nationalisten Wuppertal/Mettmann”. Aus den “Freien Kameradschaften” hat sich ein sozusagen noch “freierer” Ableger entwickelt: die “Autonomen Nationalisten” (AN). Als emsigste Vertreter und Wortführer treten unter anderem der Dortmunder Dennis Giemsch und der ehemalige JNler Steffen Pohl aus Duisburg in Erscheinung. Bei Neonazidemos bevorzugen sie die vorderen Reihen. Kleidung und Transparente verraten die Anleihen bei Linksautonomen. “Fight the system” heißt es ohne Scheu vor Anglizismen schon einmal in ihren Demonstrationsaufrufen. Statt Marschmusik und Rennicke bevorzugen sie zuweilen Punk oder gar Hiphop. Und bei Aufmärschen fällt ihr “Black Block” immer öfter auf. Das Auftreten der Rechts-”Autonomen” ist noch aggressiver als das “gewöhnlicher” Neonazis.
Sie begründen dies mit einer Bedrohung durch Staat und Antifa. Man werde sich, schreiben beispielsweise die “Autonomen Nationalisten Wuppertal/Mettmann” in einer Selbstdarstellung, “nicht von diesem Besatzersystem rumschubsen lassen”. Mit “rechtskonservativen Organisationen”, die nach der Devise “Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte auch die andere Wange hin” handeln würden, will man nichts zu tun haben: “Wer uns auf die rechte Wange schlägt, der bekommt anschließend Rechts und Links eine!” Doch im Augenblick scheint die Gefahr für die Rechts-”Autonomen” eher aus den Reihen anderer Gruppen der extremen Rechten zu kommen. “Tatsache ist”, schrieb Christian Worch im Forum der Internetpräsenz “Freier Widerstand”, “daß ein Kreis von angeblich oder tatsächlich führenden Leuten aus Zusammenhängen des freien Widerstandes mindestens erwogen hat, bei Demonstrationen gegen den Block mit gewaltsamen Mitteln vorzugehen oder beispielsweise diese Netzwerkseite nebst Forum entweder zu hacken oder aber gegen die Moderatoren mit körperlicher Gewalt vorzugehen.” Wenige Tage zuvor hatten die Macher jener Internetseite bereits eine “unnötige Klarstellung” veröffentlicht, in der sie klagen, nicht selten werde ihre Seite von den Gegnern der “Autonomen Nationalisten” als “Ursprung allen Übels benannt”. Tatsächlich tummeln sich im Forum jener Seite die Anhänger des “Autonomen”-Konzepts. Sie sind geradezu zwangsläufig eine Provokation für viele altgediente Neonazi-Anführer. “Man will aus der ewigen schwarz-weiß-roten Deutschtümelei ausbrechen und einen neuen Weg beschreiten”, schreibt dort ein “Autonomer”. 1933er-Romantik und feste verkrustete Strukturen seien nicht mehr zeitgemäß, bekommen die Altvorderen zu lesen. Für einen Teil der “Kameraden” sind selbst die “freien” Strukturen Worch’scher, Wulff’scher oder Weidner’scher Prägung zu starr geworden. Und auch die üblichen Demo-Rituale finden ihr Gefallen nicht: “Oftmals ein haufen trauriger gesellen welche mit hängenden schultern unter s/w/r fahnen dahinlatscht, zu einschläfernden klängen. Alle sehen aus wie ne Billardkugel oder wie eine 1933 HJ parodie. Klar lacht man da die leute aus und zwar nicht zu unrecht.” Die Wuppertal/Mettmanner Rechts-”Autonomen” über ihr Alternativkonzept: “Wir setzen uns dafür ein, alle relevanten Teile der Jugend und der Gesellschaft zu unterwandern und für unsere Zwecke zu instrumentalisieren. Es spielt keine Rolle welche Musik man hört, wie lang man seine Haare trägt oder welche Klamotten man anzieht.” Die Modernisierungsversuche der “Autonomen” haben freilich Grenzen. An der Ideologie wird nicht gerüttelt. “Wir selber sehen uns als Teil der nationalsozialistischen Bewegung in Deutschland und bekennen uns zu Volk, Nation und Rasse”, beteuern die Macher der “Freier Widerstand”-Homepage. Noch kürzer fasste es ein anderer Neonazi zusammen, der das Logo der “Autonomen” – ein Kreis mit zwei Fahnen innen und die Aufschrift “Nationale Sozialisten” gegen die Kritik der Gegner des “Black Block” verteidigte: “Glaubt es einfach, hier steht nicht nur ,Nationale Sozialisten’ drauf, hier sind auch nationale Sozialisten drinne
”
aus: Lotta – antifaschistische Zeitung aus NRW, Ausgabe 20, Sommer 2005, hier als PDF downloaden
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