Am 30.Mai wurde von der Antifaschistischen Aktion Münster die nach dem NS-Rassehygieniker Karl Wilhelm Jötten benannte Straße “Jöttenweg” in “Paul Wulf Weg” umbenannt.
Die Antifaschist_innen kritisieren die mangelnde Aufarbeitung der NS-Vergangenheit des Hygieneinstituts der Westfälischen Wilhelms Universität und fordern das diese umgehend öffentlich und transparent geschieht. Denn Jötten war nicht der einzige NS-Forscher, der nach 1945 ohne Probleme weiter arbeiten konnte.

So kam z.B. Otmar von Verschue, Doktorvater des KZ-Arztes Josef Mengele, welcher in Auschwitz für die Selektierung und Ermordung tausender Menschen verantwortlich war, 1951 in Münster unter, nachdem er in Frankfurt a.M. auf Grund seiner Vergangenheit abgelehnt wurde. In Münster war er zeitweise sogar Dekan der Medizinischen Fakultät.
Auch der Assistent Jöttens, Heinz Reploh, mit dem Jötten während des Nationalsozialismus seine Untersuchungen durchführte, konnte am Hygieneinstitut weiterarbeiten, wurde nach der alterbedingten Entlassung Jöttens sogar Leiter des Instituts.
Bis in die 70er Jahre hinein waren alte NS-Ärzte und Forscher an dem Hygieneinstitut beschäftigt, die Vergangenheit wurde kaum aufgearbeitet. Dies soll jetzt endlich geschehen.
Wir hoffen, dass der Jöttenweg in Paul Wulf Weg umbenannt wird, da Paul Wulf als Opfer der Arbeit, wie Jötten sie betrieben hat und Antifaschist es verdient, durch eine nach ihm benannte Straße gewürdigt zu werden.
Informationen zu Paul Wulf:
Der Antifaschist Paul Wulf wurde am 2.Mai 1921 geboren. Mit 11 Jahren wurde er in die jugendpsychiatrische Anstalt Marsberg eingewiesen. Dort wurde er als “Schwachsinniger ersten Grades” eingestuft. Um ihn vor der Vergasung zu retten stimmten seine Eltern der Zwangssterilisation zu, welche am 12.März 1938 in Paderborn durchgeführt wurde.
Nach seiner Entlassung aus der Psychiatrie beteiligte sich Wulf am Widerstand gegen den Nationalsozialismus.
Auch nach 1945 war er in Münster politisch aktiv. Er war Mitbegründer der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), setzte sich für Entschädigungszahlungen für Euthanasieopfer ein und arbeitete sein Leben lang an der Aufkläung von NS-Verbrechen.
Paul Wulf starb am 3.Juli 1999 in Münster.
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Ein Bericht in der Münsterschen Zeitung zum Thema:
Eine Stimme für viele Opfer
Münster – Ein Leben lang hat er für die Aufarbeitung der NS-Geschichte gekämpft: Paul Wulf. Jetzt fordert sein Freundeskreis eine Umbenennung des Jöttenwegs in Paul-Wulf-Weg.
Wulf war selbst Opfer der Nationalsozialisten. Bernd Drücke vom Freundeskreis: “Als die Eltern ihn aus dem Heim holen wollten, mussten sie seine Sterilisation in Kauf nehmen.” Befürchteten sie doch, die Nazis würden ihren Sohn sonst ermorden.
Damit ging er nach dem Zweiten Weltkrieg an die Öffentlichkeit, setzte sich für Aufklärung und Entschädigung ein. “Die meisten Zwangssterilisierten sind beschämt darüber, was ihnen angetan wurde. Er hat ihnen eine Stimme gegeben”, sagt Drücke. “Wir fordern deshalb, den Jöttenweg in Paul-Wulf-Weg umzubenennen.”
“Rassehygieniker”
Wie die MZ aufdeckte, ist in Münster eine Straße nach dem Rassehygieniker Karl Wilhelm Jötten benannt, der in der NS-Zeit Zwangssterilisationen an Kindern wissenschaftlich legitimiert hatte.
Im Archivamt des Landschaftsverbandes befinden sich Akten über Menschen, die ein ähnliches Schicksal wie das von Paul Wulf ereilte. Allein aus der “Taubstummenanstalt Langenhorst” (heute Teil der Münsterlandschule) liegen für die Zeit zwischen 1933 und 1945 etwa 100 Schülerakten vor. Aus Gründen des Personenschutzes sind sie nicht für jeden einsehbar.
Archivarin Katharina Tiemann weiß: “Außer den Betroffenen hat sich bisher noch niemand dafür interessiert.”
Bei der Erschließung der Akten sei ihr aufgefallen, dass es zu Zwangssterilisationen gekommen ist. Auch die Jahresberichte der damaligen Schulleitung enthalten eindeutige Hinweise: Ärzte aus der Umgebung nahmen auf Grundlage des “Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses” Untersuchungen vor, für die Kinder oft mit der Folge einer Anzeige zur Unfruchtbarmachung. Zur Verhandlung hatten die Nazis so genannte Erbgesundheitsgerichte installiert. Eines davon veranlasste die Sterilisation von Paul Wulf.
Bundesverdienstkreuz
“Wer ihn nicht kannte, auf den hat er vielleicht etwas skurril gewirkt”, beschreibt Bernd Drücke seinen langjährigen Freund. 1991 bekam Wulf das Bundesverdienstkreuz verliehen. Er starb acht Jahre später. – Michael Billig
Auch die Frankfurter Rundschau berichtete zwischenzeitlich über die Verstrickungen der Medizinischen Fakultät in die “Rassenhygiene” der Nationalsozialisten.
http://www.fr-online.de/in_und_ausland/wissen_und_bildung/aktuell/?sid=817c6d0ac53185051e7e3c18be08dbb0&em_cnt=1139937
Die Berichterstattung und die Proteste gegen die Verstrickung der Uni Münster in die nationalsozialistische Terrorherrschaft geht weiter. Neben der Forderung nach der Umbenennung des Jöttenwegs in Paul-Wulf-Weg wird auch die Leitung der Universität – viel zu spät – aktiv. Eine Kommission soll fachbereichsübergreifend die Verstrickungen der Wissenschaftler in den Nationalsozialismus klären.
Westline berichtet am 6. Juni 2007:
Uni Münster: Kommission klärt NS-Vergangenheit
Münster (wl) – Die Uni Münster richtet eine Expertenkommission ein, um ihre NS-Vergangenheit aufzuarbeiten. Damit hat sie am Mittwoch die Konsequenzen aus der öffentlichen Debatte um den Wissenschaftler Karl Wilhelm Jötten (1886-1958) gezogen.
Der vielfach geehrte Jötten hatte, wie unsere Zeitung aufdeckte, unter den Nazis „erbhygienische Untersuchungen“ an Kindern geleitet und ihre Zwangssterilisation empfohlen.
Das Beispiel mache deutlich, dass die Zeit des Nationalsozialismus an der Westfälischen Wilhelms-Universität noch nicht hinreichend aufgearbeitet ist, heißt es in einer Mitteilung des Rektorats. „Die Arbeit der Kommission wird sich auf alle Fakultäten der Universität beziehen“, sagte Uni-Sprecher Norbert Frie. Er betonte, dass sie unabhängig von der Medizinischen Fakultät arbeiten werde. Dort hat der Dekan Prof. Volker Arolt angekündigt, eine Kommission einzuberufen, die sich mit dem Fall Jötten beschäftigen soll. Da im Zuge der Recherche unserer Zeitung auch andere ehemalige Uni-Mediziner ins Zwielicht geraten sind, wolle sich die Fakultät auch mit denen beschäftigen, sagte Fakultäts-Sprecher Thomas Bauer. Unterstützung erhoffe man sich von der US-Historikern Sheila Weiss. Wer genau der Kommission angehören wird, stehe noch nicht fest.
Schneller hingegen handelt die Universitätsleitung um Rektorin Prof. Ursula Nelles: Den Vorsitz ihrer Expertenkommission soll der münstersche Historiker Prof. Hans-Ulrich Thamer übernehmen. Zudem sollen die Leiterin des Uni-Archivs, Dr. Sabine Happ sowie Mitarbeiter des Staatsarchivs, des Stadtarchivs und der Fakultäten einbezogen werden.
Mittwoch, 6. Juni 2007 | Michael Billig