Jedes Jahr im Herbst begeht der Bund der Vertriebenen (BdV) seinen “Tag der Heimat”. Es ist die zentrale Veranstaltung des mitgliederstärksten Verbandes des deutschen Revanchismus. Seit seiner Gründung in den Fünfziger Jahren war der BdV nicht bloß eine Interessensvertretung der umgesiedelten Flüchtlinge in der jungen Bundesrepublik, sondern verfolgte stets das Ziel die Nachkriegs-Grenzen zu ändern, um so dem verloren gegangenen Großdeutschland wieder einen Schritt näher zu kommen. “Recht auf (die) Heimat” ist die Parole, die diesen Anspruch ausdrücken soll. Obwohl sich ihre Strategien und Mittel mit der sich ändernden politischen Situation wandelten, bliebt der BdV seinen Inhalten treu und kann getrost als das wichtigste Organisationsgeflecht bezeichnet werden, durch das die völkische Ideologie nach 1945 konserviert wurde. Dass sich in ihren Reihen viele alte NSDAP-Mitglieder fanden und es noch heute vielfältige Kontakte in die extreme Rechte gibt, ist also nicht verwunderlich. Das hindert die Bundes- wie Kommunalpolitik aber nicht daran, die “Vertriebenen” massiv zu unterstützen. Die Stadt Münster überlässt dem BdV jedes Jahr den Rathaussaal für ihren “Tag der Heimat”.Was meint “Recht auf Heimat”?
“Recht auf (die) Heimat” – das klingt zuerst unverfänglich. Mit “Heimat” meinen die Vertriebenenverbände aber nicht einfach den Wohnort eines Menschen, der ja schließlich auch gewechselt werden kann. Die “Heimat” beschränkt sich ein Leben lang auf das Land, in das der Mensch als “Mitglied eines Volkes” hinein geboren wurde. “Volk” definieren die Vertriebenenverbände noch immer “blutsmäßig”: Zum “deutschen Volk” sollen nur diejenigen gehören, die “deutscher Abstammung” sind. Geburtsort und Staatsangehörigkeit spielen keine Rolle. Die NPD und andere Neonazis vertreten genau den gleichen Volksbegriff. Auch bei ihnen dient er zu Ausgrenzung und Diskriminierung derjenigen, denen kein Platz in der “Volksgemeinschaft” eingeräumt wird. Jedes “Volk” hat in dieser Argumentation seine angestammte “Heimat”. Die “Heimat” der “Deutschen” soll sich bis weit nach Polen, Tschechien und Russland hinein erstrecken. Diese Ansichten können wir treffend als “Blut-und-Boden”-Ideologie bezeichnen. Zur “Heimat” bestehe ein ganz besonders enges Verhältnis, das selbst noch auf die Nachkommen übergeht. Denn auch sie, obwohl persönlich nicht von der Umsiedlung nach 1945 betroffen, zählt der BdV noch als „Vertriebene“, die ein “Recht auf Heimat” hätten. Dabei sind die ehemals “Vertriebenen” vollständig in die bundesrepublikanische Gesellschaft integriert. Anders als sich der Staat gegenüber Flüchtlingen aus anderen Ländern verhält – die eben nicht zum imaginierten „deutschen Volk“ gehören sollen – wurden sie massiv unterstützt und konnten sich deshalb eine sichere Existenz aufbauen. Der BdV setzt sich eben nicht für Bewegungsfreiheit und freie Wohnortswahl aller Menschen ein. Er gehörte übrigens zu den ersten, die die Abschaffung des Asylrechts forderten. “Schluss mit dem Scheinasylantentum” titelte die Verbandszeitung Deutscher Ostdienst schon 1989. Man warnte vom “massenhaften Zustrom von Ausländern”, der Milliarden Mark kosten würde. Stattdessen sollten die “deutschen Aussiedler” unterstützt werden.
Dieses Jahr hat der “Tag der Heimat” das Motto “Heimat ist Menschenrecht”. So wird versucht, sich als Menschenrechtsorganisation aufzuspielen, um die eigenen, illegitimen Forderungen moralisch aufzuwerten. Doch die Menschenrechte sind auf das Individuum bezogen und universalisierbar. Der BdV hat aber Kollektivrechte im Blick, nämlich das “Volk” und sein angebliches Recht auf den Osten.
Ganz weit rechts…
Wer eine solche völkische Ideologie vertritt und den Ausgang des Zweiten Weltkriegs nicht akzeptieren will, braucht sich nicht zu wundern, wenn Neonazis sich in dem Verband engagieren. Er steht selbst ganz weit rechts. Immer wieder treten extrem rechte Publizisten und Ideologen bei Veranstaltungen des BdV auf. Münster stellt hier keine Ausnahme dar, im Gegenteil. Im letzten Jahr sprach zum Beispiel Alfred M. de Zayas auf der Festveranstaltung “60 Jahre Vertreibung – Danke für die Aufnahme” in Münster. Der Professor ist ein bekannter Geschichtsrevisionist. Seine Bücher werden von rechten Verlagen verlegt und in Zeitungen wie der Jungen Freiheit gefeiert. Er verbreitete in Münster, die “Vertreibung der Deutschen” aus Polen und der Tschechoslowakei habe “nichts mit dem Zweiten Weltkrieg” zu tun gehabt. Auch am Krieg sind seiner Meinung nicht die Deutschen Schuld. Ähnlich sieht das die Vorsitzende des BdV-Kreisverbands Münster und Landesvorstandsmitglied Roswitha Möller. Die Tageszeitung zitiert sie wie folgt: “Wenn Hitler 1939 sagte, ab 5:45 Uhr wird zurück geschossen, warum? Weil die Polen im Widerspruch zum Versailler Vertrag mehr und mehr das Korridorgebiet annektiert und die Deutschen vertrieben haben”.
Geschichtsverfälschung ist beim BdV Programm
Wirklich Schuld am Krieg sind also die Polen, die armen Deutschen haben sich nur verteidigt. Die deutschen Verbrechen werden natürlich verschwiegen. Sie wären auch äußerst störend bei dem Versuch von Möller und ihren GesinnungsgenossInnen, die „Vertriebenen“ als die “vom Leid dieser Zeit am schwersten Betroffenen”(aus: Charta der deutschen Heimatvertriebenen von 1950) darzustellen. Auf diesem Opfermythos baut die Legitimation des BdV. Würden die “Vertriebenen” und Flüchtlinge als das bezeichnet werden, was sie in ihrer Mehrheit vor 1945 waren – nämlich AnhängInner, NutznießerInnen des Nationalsozialismus und (Mit-)TäterInnen an dessen Verbrechen – dann würde ihr “Recht auf die Heimat” in einem ganz anderen Licht erscheinen. Deswegen ist es dem BdV auch ein großes Anliegen jeden Kausalzusammenhang zwischen nationalsozialistischer Herrschaft, Vernichtungskrieg, “Germanisierung” des Ostens und der Umsiedlung der Deutschen nach 1945 zu verleugnen. Vielmehr versuchen sie letztere in die Nähe der NS-Verbrechen, vor allem der Massenvernichtung der europäischen JüdInnen zu bringen. Diese Anmaßung ist entschieden abzuweisen. Es ging eben nicht um eine Vernichtung der Deutschen, noch um “ethnische Säuberungen”. Viele der „Vertriebenen“ flüchteten schon vor dem Einmarsch der Roten Armee mit den sich zurückziehenden Wehrmachtseinheiten in Richtung “Alt-Reich”. Die aktive Rolle, die viele “Volksdeutsche” bei der Zerschlagung von Staaten wie der Tschechoslowakei oder während der Besatzung gespielt hatten, waren ein Grund dafür, dass die Alliierten sie dort nicht mehr wohnen lassen konnten. Ein Wiedererstarken des deutschen Nationalismus sollte verhindert werden. Nicht zu Unrecht wurden die “Volksdeutschen” als “Hitlers fünfte Kolonne” bezeichnet. Sie beteiligten sich aktiv an der Terrorisierung und Vertreibung der nicht deutsch sprechenden Bevölkerung in den Ostgebieten und profitierten davon, z.B. indem sie ihr Land raubten. Die persönliche Haltung zum Nationalsozialismus, also ob die betreffende Person GegnerIn oder UnterstützerIn des Regimes war, entschied zudem, wer nach dem Krieg das Land verlassen musste.
Keine Berührungsängste zur NPD und anderen Neonazis?
Roswitha Möllers Geschichtsverdreherei führte auch dazu, dass sie den Naziaufmarsch am 12.09. 1998 in Münster öffentlich unterstützte. Berührungsängste zur NPD schien sie nicht zu kennen. Sie rief in einer Anzeige in der Verbandszeitung Deutsche Umschau zur Teilnahme an der NPD-Demo gegen die seinerzeit gastierende Ausstellung “Vernichtungskrieg – Verbrechen der Wehrmacht 1941-1945″ auf. Die Väter und Großväter seien keine Mörder gewesen. Das Gegenteil ist bewiesen. Die Wehrmacht war im hohen Maße in die nationalsozialistischen Verbrechen involviert. Dass der BdV kein Problem mit der Täterschaft seiner Mitglieder zu haben scheint, zeigt auch ein weiteres Beispiel aus Münster. Bis 2005 war die Stiftung der in Wolbeck ansässigen Westpreußischen Landsmannschaft nach dem SS-Sturmbannführer Erik von Witzleben benannt. Seine Vergangenheit wurde jahrelang verschwiegen. Erst auf öffentlichen Druck hin wurde eine Umbenennung vorgenommen.
Kein Bock auf den BdV!
Wenn der BdV am “Tag der Heimat” wieder einmal den Verlust der deutschen Ostgebiete bejammert, werden wir dies nicht still hinnehmen. Es ist unerträglich wie sie versuchen sich als die eigentlichen Opfer des Zweiten Weltkriegs aufzuspielen. Dabei kommt die historische Wahrheit zwangsläufig unter die Räder. Sie müssen die deutschen Verbrechen klein reden und die aktive Rolle ihres Klientel während des Nationalsozialismus verschweigen, sonst verlieren sie die Grundlage ihrer Ansprüche. Die in Deutschland weit verbreiteten Einstellung, von den NS-Verbrechen nichts mehr hören und sich stattdessen auch als Opfer fühlen zu wollen, spielt den “Vertriebenenverbänden” in die Hände. Doch die Forderungen des BdV sind und bleiben illegitim. Es gibt kein “Recht auf (die) Heimat”. Dass der BdV trotz der vertretenden Inhalte und seiner Verbindungen in die extreme Rechte weiterhin von der Stadt gefördert wird, ist ein Skandal, passt aber auch in diese Zeit.
Keine städtische Unterstützung für den Bund der Vertriebenen!
Keinen Raum der Geschichtsverfälschung!
Bund der Vertriebenen und andere Revanchistenverbände auflösen!
Völkische Ideologie angreifen!
AutorInnen:
Antifaschistische Aktion Münster (AfA)
Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der AntifaschistInnen (VVN/BdA) Münster
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