In den LOTTA-Ausgaben #11 und #12 erschienen ausführliche Artikel über die RechtsRock-Szene in NRW. Auch in den folgenden Ausgaben wurde immer wieder über einzelne RechtsRock-Projekte berichtet. Nach nunmehr vier Jahren ist es jedoch an der Zeit, eine aktuelle zusammenfassende Betrachtung und Einschätzung vorzulegen. Der erste Teil behandelt die Bands und ihre Konzerte. In der nächsten Ausgabe werden wir uns den HändlerInnen, Läden und Labels zuwenden.
„Ihr treibt uns nicht in die Knie, wir sind so stark wie noch nie“, singt der als Sänger der Dortmunder Band Oidoxie bekannte Marko Gottschalk auf der jüngst unter dem Titel „Straftat“ erschienenen CD „Hail C18“. Auf der CD ist auch eine gleichnamige Hymne auf Combat 18, dem gewalttätigen Arm der in Deutschland verbotenen Organisation Blood&Honour, enthalten.
Noch direkter bezieht sich die mit Oidoxie eng verbundene Gruppe Weisse Wölfe auf die Terrorgruppe. Sie bezeichnet sich selbst als Combat 18 Sauerland. Abbildungen von Rohrbomben und schwer bewaffneter Vermummter im Booklet ihrer neuen CD „Soundtrack zur Revolution“ zeigen deutlich, welche Art des Kampfes hier propagiert wird. Polizeiliche Repression scheint sie nicht mehr zu schrecken. Wenig verwunderlich, amüsieren sich Stepjan Jus, Marko Gottschalk und ihre Kameraden nach anfänglichem Schrecken währenddessen eher über den in Dortmund laufenden Strafprozess gegen die Bandmitglieder der Weissen Wölfe, der immer wieder verschoben wird. Der mutmaßliche Bassist Dennis Linsenbarth aus Werne (ex-Oidoxie, jetzt Sleipnir) wurde gar nicht erst angeklagt. Die Weissen Wölfe setzen inhaltlich also ihre Linie fort, von Mäßigung keine Spur.
Oidoxie ist noch immer die bedeutendste Band aus NRW. Nicht nur in Deutschland, sondern auch international sind sie häufig der Headliner. Im Ausland treten sie vor allem bei Konzerten des Blood&Honour-Netzwerkes auf, wie zuletzt in Belgien und Russland. Öffentliche politische Aktivitäten, wie 2003 gegen Antifa-Aktionen in Dortmund-Brechten, gehen allerdings nicht mehr von der Band aus. Um die Band herum existiert eine zirka 60 Personen starke Truppe, die sich Oidoxie Streetfighting Crew nennt. Trotz der großen Mitgliederzahl ist eine Mitgliedschaft in der Streetfighting Crew, zugleich Security bzw. Ordnerdienst auf Konzerten als auch engster Fanclub, ziemlich exklusiv. Der Crew gehören zahlreiche Neonazikader an, wie Pascal Zinn, Katja Jarminowski, Karin Lenzdorf (alle Dortmund), Dustin Guske (Hamm) und Rene Laube (Kreis Düren).
Neben Straftat ging auch das Projekt Life of Pain aus Oidoxie hervor. Hier spielen zwei ehemalige Gitarristen der Dortmunder RechtsRocker. Auch die Nachwuchsband Extressiv, die sich den Proberaum mit Oidoxie teilt, orientiert sich an der Szene-Größe. Die aus dem nördlichen Kreis Unna und dem angrenzenden Münsterland stammenden Bandmitglieder stellen auch einen Teil der Streetfighting Crew.
Newcomer
Extressiv, die in den letzten 18 Monaten mindestens zehn Auftritte hatte, ist die wohl bekannteste Nachwuchsband aus NRW. Gleichfalls bedeutend ist Cherusker, deren Musiker aus dem Münsterland und aus Osnabrück kommen und die als Live-Band noch aktiver sind. Cherusker spielte im Februar 2007 auf einem aus dem Umfeld von Blood&Honour ausgerichteten Konzert in Dänemark. Im Vergleich zu diesen beiden sind Bands wie My War, Sense of Pride und Dux et Patria eher noch auf Proberaum-Niveau und haben sich noch keinen großen Namen in der Szene machen können.
Alte Hasen
Seit längerer Zeit fest etabliert sind Sleipnir (Gütersloh) und Sturmwehr (Gelsenkirchen). Während Sleipnir häufig live auftritt und an einer Vielzahl von Projekten beteiligt ist, z.B. der „Schulhof-CD“ der NPD und dem Versand Wolfszeit, beschränken sich die Aktivitäten des Sturmwehr-Machers Jens Brucherseifer darauf, jährlich eine CD im immergleichen Stil einzuspielen und damit einen Teil der Szene eher zu langweilen. Hin und wieder betätigt sich „Jens B.“ auch als Liedermacher auf Kameradschaftsabenden. Sollte er tatsächlich, wie in der neonazistischen Szene oftmals behauptet, hinter dem Projekt Sturm 18 stecken, hätte jedoch auch er vor einigen Monaten eine zwar legale, aber textlich zu den härteren Produkten zählende CD veröffentlicht.
Zurückgezogen haben sich die Barking Dogs, von denen in der letzten Zeit weder Auftritte noch Veröffentlichungen bekannt wurden. Die Düsseldorfer/Mettmanner Band Eskil ist hingegen mit einem Beitrag auf dem Sampler „Our Europe …Not Theirs“ vertreten. Damit beweist sie, entgegen ihren ständigen Beteuerungen, dass sie noch immer mit der extremen Rechten verbunden ist.
Schwarzbraune Zwischentöne
„Forgotten Darkness ist tot – es lebe Forgotten Darkness“: Mit diesen Worten gaben die rechten Black-Metaller aus Velbert ihre Auflösung bekannt. Auch um andere Projekte wie Mjölnir, Zerstörer oder Wehrhammer von Thorsten Kunz aus Oberhausen ist es ruhig geworden. Sein Weggefährte Jens Schöpfe aus Siegen ist mit seinen Bands Armatus und Satans Sign of War ebenfalls in der Versenkung verschwunden. Anders hingegen Trollzorn (Monheim), die auf der LP „Feind und Verräter“ mit anspruchsvollen Liedtexten wie „Ich fick dich wie ein Troll“ aufwarten, sowie Sturmtruppen aus Übach-Palenberg, Waffenweihe aus Odenthal und das Ein-Mann-Projekt Imperium Sacrum aus Bielefeld. Von Obscure Vortex aus Oberhausen ist schon seit längerem das Album „… soll wieder strahlen“ angekündigt. Auch wenn ihre Texte nicht explizit neonazistisch geprägt sind, bekennt sich die Gruppe dennoch zu Absurd und verlinkt auf ihrer Internetseite die extrem rechte Black-Metal-Band Halgadom um Frank Krämer aus Eitorf. Halgadom tritt zwar nicht live auf, veröffentlicht jedoch zweijährlich CDs, zuletzt 2006 das Album „Sturmwoge“ (ausführlich zum NSBM in NRW: LOTTA # 22, S. 32).
Live on Stage
Bands aus NRW spielen häufiger in anderen Bundesländern oder gar im Ausland als in NRW. Gerade einmal acht Konzerte und sieben Liederabende fanden 2006 in NRW statt. Zwei Veranstaltungen, in Lippstadt und Warendorf, konnten durch AntifaschistInnen oder Polizeieinsätze verhindert werden. Damit hat sich ihre Anzahl nur unwesentlich geändert: 2005 zählten AntifaschistInnen zehn Konzerte und sechs Liederabende, 2004 acht Konzerte und zwei Liederabende.
Die TeilnehmerInnenzahl lag 2006 im Durchschnitt bei ungefähr einhundert BesucherInnen. Bei Konzerten traten zwei bis fünf Bands auf, die alle aus Deutschland, häufig auch aus NRW kamen. Oft wurden sie von Leuten aus dem Umfeld der Bands organisiert. Die Liedermacher-Abende organisierten fast immer Kreisverbände der NPD, seltener eine der Freie Kameradschaften. Auch sie lockten bis zu 150 BesucherInnen. Die NPD nutzt nun verstärkt Auftritte von LiedermacherInnen als kulturelles Rahmenprogramm für kleinere Feste oder Feiern, zum Beispiel am 1. Dezember 2007. Dann soll der Liedermacher Frank Rennicke im dritten Jahr in Folge BesucherInnen zur „Julfestfeier“ des NPD-KV Unna/Hamm locken. Ein großes Konzert mit internationalen Bands, vergleichbar mit dem vom 16. März 2002, konnte nicht wiederholt werden. Damals kamen 1.300 Neonazis nach Dortmund (vgl. LOTTA #8, S.28). Konzerte dieser Größenordnung finden nun verstärkt im nahen Ausland statt.
Die größten Probleme bereitet der Szene noch immer der Mangel an geeigneten Auftrittsmöglichkeiten. In Düsseldorf zum Beispiel ging eine vom Non-Plus-Ultra-Frontmann Marcel Spieß geführte Gaststätte nach Antifa-Intervention verloren. Zwei Konzerte hatten dort bereits stattgefunden. Ebenfalls zwei Konzerte fanden in einem Clubhaus bei Velbert statt. Die NPD Düren und die Kameradschaft Aachener Land organisierten 2006 drei Konzerte in Düren. In Greven verlor die Szene im Frühjahr 2007 eine wichtige Location. Ein lokaler Getränkehändler beendete die Vermietung seiner Halle an Neonazis aus dem Umfeld von Cherusker. 2005 fanden dort drei Konzerte statt, 2004 und 2006 jeweils eins.
Eine versuchte Neuauflage erlebte die Verbindung von Aufmärschen und RechtsRock-Konzerten. Zuletzt hatte Christian Worch 2002 und 2003 so versucht, mehr TeilnehmerInnen zu seinen Demonstrationen zu locken. Bei dem von Freien Kameradschaften organisiertem Aufmarsch am 1. Mai 2007 in Dortmund spielten die Bands Sense of Pride (Spenge), Carpe Diem (Baden-Württemberg) und Civil Disorder (Sachsen-Anhalt). Größere Events, bei denen das musikalische und kulturelle Angebot im Vordergrund stehen und wie sie in anderen Bundesländern von der NPD oder den Kameradschaften jährlich organisiert werden („Fest der Völker“ in Jena, Sachsentag, Familienfest im Saarland, Sommerfest in Sachen-Anhalt, Thüringentag) fanden in NRW noch nicht statt, was an der organisatorischen Schwäche und am befürchteten Widerstand liegen dürfte.
Fazit
Das organisierte Spektrum der Bands, Labels und Versände beschränkt sich auf einen verhältnismäßig kleinen Personenkreis. Für diesen ist der RechtsRock der kulturelle Ausdruck ihrer neonazistischen Einstellung. Ein Großteil dieser Personen ist in den organisierten Neonazismus eingebunden. Darüber hinaus ist RechtsRock auch in NRW zu einem Stück Alltagskultur für viele Jugendliche geworden. Zwar kommen die meisten nicht auf die verdeckt organisierten Konzerte, werden jedoch von den rassistischen und antisemitischen Texten angesprochen. Auch wenn die Boomzeiten des RechtsRock vorbei sind, so muss festgestellt werden, dass sich die RechtsRock-Szene auf hohem Niveau etabliert hat. Sie ist, wie auch der Auftritt beim Aufmarsch der Freien Kameradschaften am 1. Mai 2007 in Dortmund wieder gezeigt hat, aufs engste mit dem organisierten Neonazismus verwoben und sein kultureller Arm.«
von: Lars H. Schmidt und Jan Raabe
Dieser Artikel erschien zuerst in der antifaschistischen Zeitschrift Lotta Nr.28/Herbst 2007
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