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NS-kritische Kunst bleibt in Münster

veröffentlich am Donnerstag, 24. Januar 2008

Am 22. Januar 2008 hat die von SPD und Grünen dominierte Bezirksvertretung-Mitte der Stadt Münster nach langem lokalpolitischen Hick und Hack endgültig entschieden, dass die NS-kritischen Kunstprojekte „Reichsadler“ und die Statue des NS-Euthanasiebetroffenen Paul Wulf nun doch dauerhaft in Münster verbleiben sollen.

Das Antifaschistische Netzwerk Münster- und Osnabrücker Land begrüßt diese politische Entscheidung. Wir sind besonders darüber erfreut, dass mit Paul Wulf ein mutiger und aktiver Münsteraner Antifaschist posthum zu verdienten Ehren gelangt.

Der von CDU und FDP dominierte Kulturausschuss der Stadt hatte die beiden Kunstwerke, die im Rahmen der Skulptur-Projekte 2007 nach Münster gekommen waren, ausdrücklich nicht zum Ankauf durch die Stadt Münster empfohlen, während eine parteiübergreifende Kunstexpertenkommission zuvor den Erhalt der Skulpturen in Münster befürwortet hatte. (Linkquelle zur Skulpturendiskussion: Graswurzel)

„Kultur“politik – Ein Instrument im kapitalistischen Standortwettkampf der Städte

Kultur ist aus Sicht der Münsteraner CDU und FDP augenscheinlich nur dann als wertvoll zu betrachten, solange sie sich z. B. in Form eines touristischen Massenevents wie den Skulpturprojekten für den Wirtschafts- und Imagestandort ausschlachten lässt (hierzu passt im übrigen auch die aktuelle Diskussion um das Musikhallenprojekt in Münster wie die sattsam bekannte Faust auf´s Auge). Kultur jedoch, die sich u.a. kritisch mit der eigenen Stadtgeschichte auseinandersetzt, erscheint folgerichtig – so ein FDP-Kulturausschussmitglied – als unerträgliche Provokation, die man gerne verschwinden lassen würde. ( Linkquelle zum FDP-Mitgliedszitat: Draussen)

Kommunaler „Antifaschismus“ – Ein Kampf um die „saubere“ Heimaterde?

Mit ähnlichen Kommentaren hatte man aus solchen Kreisen auch schon die versuchten Neonaziaufmärsche in Münster-Hansaviertel und Münster-Hiltrup 2006 kommentiert. Dies illustriert, wie sehr das Denken zahlreicher Kommunalpolitiker in Münster – insbesondere, aber nicht nur von CDU und FDP – geprägt ist von plumpen Abwehrreflexen gegen „Nestbeschmutzer“ – und weniger von dem Versuch einer ernsthaften und kontinuierlichen antifaschistischen Arbeit. Tatsächlicher Antifaschismus kann sich nicht allein auf den (natürlich jederzeit berechtigten) Widerstand gegen nazistische Aufmärsche beschränken. Er beginnt nicht mit der Ankündigung von Neonazis, einen Aufmarsch in „unserer Stadt“ durchführen zu wollen – und er endet auch nicht mit der Auflösung oder Verhinderung desselben. Gelebter Antifaschismus muss unter anderem auch die kritische Selbstermahnung, konsequentes Handeln und das positive Widerstandsvorbild umfassen – sowohl im Bezug auf den vergangenen Faschismus als auch gegen jede aktuelle Form extrem rechten Denkens.

Münsters alltägliche Lokalpolitik und ihr brauner Rattenschwanz – Vom „Bund der Vertriebenen“ über die Burschenschaft „Franconia“ bis …

Dass die dafür notwendige kritische Sensibilität und die Bereitschaft zu antifaschistischer Konsequenz gerade den Münsteraner CDU- und FDP-Verbänden im Allgemeinen fehlen, zeigt z. B. die seit Jahren bestehende Unterstützung insbesondere der lokalen CDU für den Kreisverband des Bund der Vertriebenen (BdV). So kann der BdV in Münster trotz völkischer Blut-und-Boden-Ideologie, trotz hartnäckiger Geschichtsverfälschung und nachgewiesener Verbindungen zu NPD und anderen extrem rechten Organisationen weiterhin jedes Jahr seinen zentralen Gedenkfeiertag im Rathaus der Stadt Münster abhalten. Und auch bei dem 2003 unter damaliger CDU-Alleinherrschaft in Münster errichteten Gedenkstein für die Vertriebenen handelt es sich um ein von der Stadt mitinitiiertes und finanziertes Projekt.
(Linkquelle BdV allgemein (Kronauer): AfA-Münster
Linkquelle BdV Münster: VVN-BdA)
Zitat v. R. Möller zur Beteiligung der Stadt Münster am Vertriebendenkmal am Servatiiplatz:
„Wir hier in Münster können nun auch an würdiger Stelle unserer Heimat gedenken, unserer Menschen – und – und das ist der Verdienst der Stadt Münster – den Menschen, die nach dem Krieg als Flüchtlinge und Vertriebene nach Münster kamen, dankt die Stadt Münster für ihre Aufbauarbeit und die Mithilfe beim Aufbau einer demokratischen Neuordnung. Dies ist ein Gedanke, der höchste Anerkennung verdient. Ich habe noch in keiner Stadt so eine öffentliche Anerkennung der Leistung der Vertriebenen gefunden.“ (Quelle )

Fehlendes antifaschistisches Engagement zeigt sich z. B. auch in der seit Jahren dokumentierten Duldung der Stadt gegenüber der Anwesenheit von NPD-Vertretern oder der alljährlichen Teilnahme von extrem rechten Burschenschaftern an den zentralen Gedenkfeierlichkeiten der Stadt Münster zum sogenannten „Volkstrauertag“ – eine stillschweigende Akzeptanz von Personen und Organisationen der lokalen extremen Rechten, die so gar nicht zu den antifaschistischen Sonntagsreden von der „sauberen“, „weltoffenen“ und „entschieden demokratischen“ Stadt (z. B. anlässlich der erwähnten Naziaufmärsche) passen will.
Brief VVN an Tillmann 2004

Der Fisch stinkt nicht nur vom Kopf her …

Wie sehr wir den gelebten antifaschistischen Widerstand benötigen, wie ihn auch Paul Wulf zu Lebzeiten praktizierte und wie ihn daher seine Skulptur heute symbolisiert, zeigen aber auch die zahlreichen empirischen Studien der letzten Jahre, die eindrucksvoll belegen: Es gibt nicht nur Altnazis und Neonazis, sondern es gibt den (Rechts)“Extremismus der Mitte“.
Rechtsextremismus ist eben kein Problem des gesellschaftlichen Randes, das sich relativ einfach zum Verschwinden bringen lässt. Vielmehr handelt es sich um eine Ideologie, die – wenn auch nicht als geschlossen nazistisches Weltbild, so doch in bestimmten zentralen Aspekten – bis weit in die Mitte der Gesellschaft hinein und auch in der politischen Linken Akzeptanz und Zustimmung findet.

So meinen laut aktuellen wissenschaftlichen Befragungen – um nur einige Beispiele zu nennen,
40 % aller Deutschen, der Nationalsozialismus habe auch seine guten Seiten gehabt. (Morgenpost)

39% der Bevölkerung, die Bundesrepublik sei „in gefährlichem Maß überfremdet“. (Tagesschau)

26% wünschen sich eine einzige starke Partei, die die gesamte „Volksgemeinschaft“ verkörpert. (Tagesschau)

Knapp 18% der Deutschen finden, die Juden hätten auch heute noch zuviel Einfluss. (Tagesschau)

Fast genauso viele glauben, dass der Stärkere sich auch in der Gesellschaft immer durchsetzen sollte. (Tagesschau)

Robert Koch ist also nur die Spitze des Eisbergs – allein die massenhafte mediale Schützenhilfe, die er für seine autoritär-rassistischen Statements erhält, spricht Bände.

Gegen „antifaschistische“ Feigenblätter! Konsequenz statt politischer Sonntagsreden!

Dass allein schon aufgrund dieser Tatsache in Münster ebenso wie in überall sonst in Zukunft die breite und vielfältige Förderung öffentlichen antifaschistischen Gedenkens auf der Agenda einer Kommunalpolitik stehen muss, die für konsequentes und nachhaltiges Handelns gegen Faschismus, Rassismus und Menschenfeindlichkeit stehen will, steht für uns außer Frage. In Münster könnte ein weiterer wichtiger Schritt in diese Richtung die im letzten Jahr von der Antifaschistischen Aktion Münster geforderte Strassenumbenennung des nach dem NS-Arzt und “Rassenhygieniker“ Karl Wilhelm Jötten benannten Jöttenweges in Paul-Wulf-Weg sein.
(Linkquelle zur damaligen Aktion: indymedia
Linkquellen zu Jötten:
Zeit
Spiegel
WDR

Antifaschistische Erinnerungspolitik statt rechter Vertriebenenpropaganda!

Doch zunächst wollen wir vom Antifa Netzwerk die Paul-Wulf-Skulptur an ihrem zukünftigen neuen Standort herzlich Willkommen heißen. Zwar ist der ausgewählte Skulpturstandort am Servatiiplatz sicherlich kein Ort von ähnlich zentraler stadtpolitischer, -historischer oder -geographischer Bedeutung, wie es die von der Künstlerin favorisierten Standorte am Stadthaus oder an der Lambertikirche gewesen wären. Dennoch birgt die anvisierte Platzwahl doch eine unverhoffte politische Chance für Münster:
Das bereits am Servatiiplatz angesiedelte Vertriebendenkmal endgültig einzustampfen und an seiner Stelle mit der Aufstellung der Paul-Wulf-Skulptur ein Zeichen gegen extrem rechtes Denken und für einen gelebten antifaschistischen Widerstand zu setzen!

Kurzbiographie – Wer war Paul Wulf?

Der Antifaschist Paul Wulf wurde am 2. Mai 1921 geboren. Mit 11 Jahren wurde er in die jugendpsychiatrische Anstalt Marsberg eingewiesen. Dort wurde er als „Schwachsinniger ersten Grades“ eingestuft. Um ihn vor der Vergasung zu retten stimmten seine Eltern der Zwangssterilisation zu, welche am 12. März 1938 in Paderborn durchgeführt wurde.
Nach seiner Entlassung aus der Psychiatrie beteiligte sich Wulf am Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Auch nach 1945 war er in Münster politisch aktiv. Er war Mitbegründer der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), setzte sich für Entschädigungszahlungen für Euthanasieopfer ein und arbeitete sein Leben lang an der Aufklärung von NS-Verbrechen. Paul Wulf starb am 3. Juli 1999 in Münster.
Mehr unter:Paul Wulf

Für eine antifaschistische Gedenkkultur und Erinnerungspolitik !

Jöttenweg umbenennen – Vertriebenendenkmal pulverisieren !

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