Ein Zwilling kommt selten allein…
Kader unter der Lupe: Markus und Matthias Pohl
Das hatte sich Markus Pohl anders vorgestellt. Nur 311 Erststimmen (0,7 Prozent) konnte er für die NPD im Wahlkreis Vechta einfahren. Das Ergebnis sei eine „sehr deutliche Niederlage“ und ein „Desaster“. Es zeige, so Pohl weiter „daß wir in dieser Region noch lange nicht das Vertrauen der Menschen für uns gewinnen konnten“. Dabei sollte die Landtagswahl in Niedersachen ein erster Test für die NRW-Kommunalwahlen 2009 werden.
Doch anders als im Osnabrücker Umland versucht die NPD im angrenzenden Kreis Steinfurt ihre lokale Wahrnehmbarkeit durch kontinuierliche Aktionen zu vergrößern. Markus Pohl hat dafür seinem Zwillingsbruder Matthias, der dem Kreisverband Steinfurt vorsteht, schon im letzten Jahr die volle Unterstützung versprochen. Markus Pohl selbst ist stellvertretender NPD-Vorsitzender in der Provinzmetropole Münster. Die beiden Brüder gelten als die organisatorischen Köpfe der NPD im nördlichen Münsterland.
Bieder und bürgernah geben sie sich bei öffentlichen Auftritten. Meist wirken sie aber trotz gebügeltem, weißem Hemd ein bisschen plump und bauernhaft. Als Leute aus der Mitte der westfälischen Provinz wollen sie wahrgenommen werden. Und in der Tat: Ihr politisches Wirken in den letzten zehn Jahren ist untrennbar mit der Entwicklung der rechten Szene in der Region verbunden. Zur NPD gelangten sie erst spät, zuvor wirkten sie als „Freie Nationalisten“ in Kameradschaftsstrukturen.
Die Brüder Markus und Matthias Pohl sind 1980 in Osnabrück geboren. Die Familie zog aber schnell in die Kleinstadt Lengerich (Kreis Steinfurt), die noch immer der Lebensmittelpunkt der beiden ist. Markus arbeitet als Autoverkäufer in Osnabrück, Matthias ist Lagerist. Mitte der neunziger Jahre finden sie Anschluss an die rechte Szene in der ländlichen Region an den Ausläufern des Teutoburger Waldes. Im September 1998 fahren sie mit „Kameraden“ nach Rostock, um an der zentralen Wahlkampfdemonstration der NPD teilzunehmen. Am Steuer des Wagens sitzt Marc Westerhove. Am Rande des Aufmarsches rast er mit dem Auto auf einen Antifaschisten zu und fährt ihn an. Der Antifaschist bleibt schwer verletzt auf der Kreuzung liegen. Westerhove flüchtet, stellt sich aber später der Polizei. Die Pohl-Brüder sagen später als Zeugen vor Gericht aus, sie seien „nur zum Gucken“ nach Rostock gefahren.
„Provokationsjahre“
Es ist nicht das letzte Mal, dass sie während ihrer „Provokationsjahre“, so nennt Matthias Pohl die Zeit vor seinem NPD-Eintritt in einem Interview, in Kontakt mit der Justiz kommen sollten. Am zweiten Weihnachtsfeiertag 1999 sind die Pohls unter den sechs Neonazis, die drei türkische Männer zusammenschlagen. Ein Jahr später stehen sie und elf weitere Neonazis unter anderem deshalb in Tecklenburg vor Gericht. Markus wird zu einer Haftstrafe von 24 Monaten auf Bewährung verurteilt, sein Bruder erhält eine 18-monatige Bewährungsstrafe. Die Pohls sind mittlerweile führend in der Kameradschaft Teutoburger Wald eingebunden und scharen rechte Jugendliche um sich. In der Region kommt es verstärkt zu neonazistischen Gewalttaten. Ein Jugendzentrum im Osnabrücker Stadtteil Voxtrup, das akzeptierende Jugendarbeit mit rechten Jugendlichen betreibt, aber offensichtlich auch kein Problem mit führenden Neonazis hat, wird zum Treffpunkt der Kameradschaft. 2001 wird die Kameradschaft Teutoburger Wald in Nationaler Widerstand Osnabrücker Land (NWOSL) umbenannt, um die politische Arbeit, vor allem in Kooperation mit der regionalen NPD, zu intensivieren und sich von einer rechten Spaß- und Partyfraktion zu trennen. Die NPD im Münsterland liegt zu diesem Zeitpunkt am Boden. Der von Josef Domesle geführte Kreisverband Steinfurt kann kaum Aktivitäten vorweisen. Auch in Münster sieht es nicht viel besser aus. Für Aktionen, wie einen Infostand im Vorort Amelsbüren, ist die NPD auf die Mitglieder des Nationalen Widerstands Osnabrücker Land angewiesen.
Vom NWOSL zur NPD
2002 treten Markus und Matthias Pohl der NPD bei und steigen schnell in der Hierarchie der Partei auf. Ein Jahr später wird Markus Kreisgeschäftsführer des Kreisverbands Münster. Sein Bruder Matthias wird zum Vorsitzenden des Kreisverbands Steinfurt gewählt. Es gelingt ihnen in den nächsten Jahren die Kreisverbände zu reaktivieren. Eine Arbeit, die auch in der Partei gewürdigt wird. Matthias Pohl wird 2004 als Beisitzer in den NRW-Landesvorstand gewählt. Sein Bruder folgt ihm 2006 und bekleidet dort das „Amt für Neue Medien“. Er stellt NPD-Kreisverbänden Webspace für ihre Internetseiten zur Verfügung und kümmert sich um die technische Betreuung.
Die Landtagswahl 2005, bei der die Pohl-Brüder als Direktkandidaten aufgestellt wurden, bescherte ihnen im Kreis Steinfurt aber noch magere Ergebnisse von durchschnittlich 0,8 Prozent der Zweitstimmen. Bei der Kommunalwahl im kommenden Jahr soll sich das ändern. Schon Ende 2006 verkündete Matthias Pohl bei der Jahresabschlussveranstaltung in Greven: „Wir wir schon vor einiger Zeit ankündigten, werden wir uns auf die nächste Kommunalwahl in NRW vorbereiten, welche 2009 stattfindet. Unser Ziel wird es sein in den Steinfurter Kreisrat einzuziehen.“
Ziel: Kommunalwahl 2009
Um dieses Ziel zu erreichen setzen sie auf kontinuierliche Arbeit vor Ort: Im März 2007 versuchen sie neue Mitglieder mit einer Interessentenveranstaltung in Rheine zu werben. Aus dem ganzen Münster- und Osnabrücker Land waren Neonazis angereist, um dem Parteivorsitzenden Udo Voigt zu lauschen, während einige hundert Meter entfernt die Antifa vor einer Polizeisperre demonstriert.
Regelmäßig werden Flugblätter verteilt, Infostände und Mahnwachen durchgeführt. Verstärkt versuchen sie an lokale Themen anzuknüpfen. In Rheine agitieren sie gegen die Einführung der Offenen Ganztags-Schule und den „hohen Ausländeranteil“, fordern, dass ausländische Kinder getrennt unterrichtet werden. Auch die vom Arbeitsplatzabbau betroffene Belegschaft des Autoteilezulieferers Karmann wollte die NPD mit einem eigenen Flugblatt erreichen. Ein Flugblatt gegen „Ausländerkriminalität“, anlässlich des gewaltsamen Todes eines Mannes im August 2007 in Greven, zieht für Matthias Pohl eine Hausdurchsuchung und eine Anzeige wegen Volksverhetzung nach sich. Das Landgericht Münster erklärt die Durchsuchung später für rechtswidrig, die Staatsanwaltschaft stellt das Verfahren ein. Die NPD jubelt: „Matthias Pohl kein ‘Volksverhetzer’“. Und verkündet: „Die ‘multikulturelle Gesellschaft’ ist in Wirklichkeit eine multikriminelle Gesellschaft.“
Matthias Pohl ist mit der Entwicklung der NPD im Kreis Steinfurt zufrieden. Bei der Jahresabschlussveranstaltung 2007 bilanzierte er ein „erfolgreiches Amtsjahr“: „Durch die Steigerung der kreativen Aktionen, konnten wir eine breite Masse der Bevölkerung im Kreis Steinfurt erreichen.“
Immer wieder musste sich in den letzten Jahren ein NPD-Mitglied wahlweise in ein Hasen-, Weihnachtsmann-, oder Esel-Kostüm zwängen, um gut getarnt Süßigkeiten und NPD-Zettel zu verteilen. Trotz der vielen Arbeit, welche die Pohl-Brüder nicht nur in die „kreativen Aktionen“ des Vorwahlkampfs stecken, konnten sie die „breite Masse der Bevölkerung“ aber noch nicht erreichen. In Städten wie Greven oder Rheine haben sich BürgerInnen hingegen zu unterschiedlichsten Aktionsbündnissen gegen Rechts zusammen geschlossen. Auch die Antifa hat den Wahlkampf im Blick: So verhinderten am 19. April über 80 Menschen eine NPD-„Mahnwache“ der Kampagne „Sozial geht nur national“ in Greven. Auch die versuchte Störung der DGB-Veranstaltung am 1. Mai in Rheine wird der NPD wenig neue SympthatisantInnen gebracht haben. „DGB – Arbeiterverräter“ schrien sie und entrollten ein Transparent. GewerkschaftlerInnen setzten die Pohl-Brüder und ihren Anhang umgehend und konsequent vor die Tür.
Aus: LOTTA – antifaschistische Zeitung aus NRW, Nr. 31, Sommer 2008
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