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Rassistisches “Rollback” an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster?

veröffentlich am Montag, 08. Dezember 2008

Protest gegen den Vorstellungsvortrag von Dr. habil. Heiner Rindermann am Institut für Erziehungswissenschaften

8. Dezember 2008, Münster – Das “Bündnis gegen rassistische Denkstrukturen” protestierte heute vormittag anlässlich der Vorstellungsvorträge zur Vergabe einer Professur für Erziehungswissenschaft an der WWU Münster gegen den angegündigten Vortrag des Kandidaten Dr. habil. Heiner Rindermann. Mit Flugblättern und durch Diskussionen klärten Vertreterinnen und Vertreter des Bündnisses die anwesenden Studierenden, Professorinnen und Professoren über zweifelhafte, rassistische Äußerungen des habilitierten Psychologen und Bildungsforschers Rindermann auf und forderten, Herr Rindermann sollte solange keine Lehrveranstaltungen anbieten dürfen, bis er sich deutlich in aller Öffentlichkeit von wissenschaftlich überholten Rassevorstellungen distanziert habe.

Nur wo war der Anlass des ganzen Protestes? Heiner Rindermann war zu seinem eigenen Vorstellungsvortrag gar nicht erst erschienen. So konnte zwar Rindermann nicht direkt mit seinen eigenen Aussagen konfrontiert werden, aber immerhin musste sich die Prüfungskomission die kritische Frage gefallen lassen, warum sie Rindermann bereits das zweite Mal innerhalb eines Monats für eine Professur an der WWU vorgeschlagen hatte. Denn bereits vor einem Monat wurde massive Kritik nach dem Vortrag Rindermanns in der anschließenden Diskussion geäußert. Auch da distanzierte sich Rindermann nicht von Rassentheorien, im Gegenteil: Er sprach erneut von genetischen Defekten der Juden, die durch deren Heiratsstrategien hervorgerufen und zu Krankheiten und einer erhöhten Intelligenz führen würden. Die Prüfungskomission betonte, sie bedaure das Versäumnis der Außeinandersetzung mit Rindermanns Äußerungen und versicherte dies nachzuholen. Eine klare Positionierung wäre nach den heutigen Ereignissen sicherlich erforderlich und wünschenswert, denn harmlos sind Rindermanns Äußerungen sicherlich nicht.

“Man stelle sich vor, ein Professor an der Uni Münster würde beispielsweise der Gemeinschaft der katholischen Gläubigen einheitliche genetische Eigenschaften zuschreiben und Katholiken auf Intelligenzunterschiede zu Protestanten `wissenschaftlich’ untersuchen. Die öffentliche Empörung wäre sicherlich enorm.”, so erklärt Alex Birkner, Mitglied des Bündniss. “Herr Rindermann sollte sich endlich öffentlich von ähnlich kruden Forschungen und wissenschaftlich überholten `Rassetheorien’ distanzieren. Als Professor ist er in Münster wie anderswo mit solchen `Forschungen’ untragbar – ganz besonders in der Ausbildung zukünftiger Lehrerinnen und Lehrer.”

Kritische Auseinandersetzung mit Rindermann
Spuren seiner “Rassetheorien” finden sich beispielsweise in den aktuellen Forschungsveröffentlichungen von Herrn Rindermann oder in einem Interview im “Deutschlandradio Kultur” vom letzten Jahr.

So schreibt Herr Rindermann unter anderem in einem seiner wissenschaftlichen Aufsätze Mitgliedern der jüdischen Glaubensgemeinschaft genetisch bedingte Charaktereigenschaften zu (”genetic characteristics of Jews”) und bezieht sich dabei auf Quellen wie den NPD-nahen Pseudowissenschaftler Volkmar Weiss.*1

In einem Interview bei “Deutschlandradio Kultur” im Dezember 2007 bezieht sich Herr Rindermann an verschiedenen Stellen mal mehr, mal weniger deutlich auf das Konzept der “Menschenrassen” – so behauptet er beispielsweise, es gäbe “auf jeden Fall genetische Unterschiede zwischen den Rassen, wenn man diesen Begriff wählt, also zwischen Weißen, zwischen Schwarzen und zwischen Asiaten als die drei Großgruppen. “*2
Das Konzept der “Rassen” aber wird in Kreisen der Wissenschaft schon seit Anfang der 1990er Jahre verstärkt in Zweifel gezogen und gilt dort inzwischen als überholt. Und das Interview, dessen ursprünglicher Titel “Dumme Buschmänner, kluge Asiaten? `Es gibt genetische Unterschiede zwischen den Rassen’” von der Redaktion des Deutschlandradios später verändert wurde, bescherte dem Sender sowie Herrn Rindermann daher zahlreiche Proteste sowie scharfe Kritik aus wissenschaftlichen Kreisen.*3
Als Antwort auf Protest und Kritik veröffentlichte Herr Rindermann knapp zwei Wochen nach diesem Interview eine Stellungnahme, in der er unter anderem schreibt, das Thema “Rasse” sei nicht seines und der Begriff komme in seinen Veröffentlichungen nicht vor. *4 Eine ausdrückliche Distanzierung vom Begriff der “Rasse” oder von Vorstellungen, die an traditionelle “Rassetheorien” anknüpfen, ist dort allerdings nicht zu finden. Zudem deuten die genannten Beispiele im Widerspruch zu seiner Stellungnahme darauf hin, dass Spuren solcher “Rassetheorien” durchaus mal mehr, mal weniger deutlich in öffentlichen Äußerungen von Herrn Rindermann auftauchen.

“Allein durch die Überlegung Rindermann könnte als Professor geeignet sein, vernachlässigt die WWU ihre gesellschaftliche Verantwortung,” so die Abschlussworte Alex Birkners.

Was ist das “Bündnis gegen rassistische Denkstrukturen”?
Das Bündnis gegen rassistische Denkstrukturen ist ein neu gegründeter Zusammenschluss von politisch engagierten Initiativen und Einzelpersonen aus Münster und dem näheren Umland, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, in allen gesellschaftlichen Bereichen vorhandene alltägliche rassistische Denkstrukturen und Erklärungsmuster aufzugreifen, bekannt zu machen und so der öffentlichen Diskussion und Kritik zuzuführen.
Das Bündnis will so dazu beitragen, die Öffentlichkeit für verbreiteten Alltagsrassismus in der “Mitte” der Gesellschaft – wie ihn z. B. die aktuellen Forschungen der Friedrich-Ebert-Stiftung beschreiben – zu sensibilisieren.

Quellen:
*1 H. Rindermann: The g-factor of international cognitive ability comparisons: The homogenity of results in PISA, TIMSS, PIRLS and IQ-tests across nations. In: European Journal of Personality. 21, 2007, S. 667?706. Online einsehbar unter:  http://groups.uni-paderborn.de/rindermann/materialien/PublikationsPDFs/07EJP.pdf

*2 “Gibt es Unterschiede in Intelligenz und Wissen zwischen den Bevölkerungen verschiedener Länder?
Gespräch mit Bildungsforscher Rindermann”. Redigierte, gekürzte Onlineversion des Interviews vom 04.12.2007. Online einsehbar unter: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/706040/

*3 http://www.ifeas.uni-mainz.de/info/PresseRindermann.html; hier ist auch die urspüngliche, ungekürzte Version des Interviews einsehbar

*4 H. Rindermann: Stellungnahme zum Interview im Deutschlandradio Kultur
am 4. Dezember 2007. Online einsehbar unter: http://groups.uni-paderborn.de/rindermann/materialien/DKulturDRku.pdf

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Ergänzungen

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  1. Flugblatt zu Rindermann

    Rassistisches “Rollback” an der Universität Münster?

    Am 08.12.2008 finden am Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Münster Probevorträge im Rahmen des Berufungsverfahrens zur Besetzung einer neuen Professor_innenstelle statt. Eingeladen ist unter anderem der Psychologe und Bildungsforscher Heiner Rindermann. Dieser geriet durch zweifelhafte Aussagen in seinen Veröffentlichungen wie auch in einem am 04.12.2007 gesendeten Interview mit “Deutschlandradio Kultur” in Verruf.

    Das Interview wurde mit dem bezeichnenden Titel „Dumme Buschmänner, kluge Asiaten – Es gibt genetische Unterschiede zwischen den Rassen“ angekündigt. Dieser Titel ist nach der Sendung auf der Homepage des Deutschland-Radios geändert worden – es stellt sich allerdings die Frage, warum Herr Rindermann vor den öffentlichen Protesten kein Problem damit hatte, das Interview unter diesem angekündigten Titel zu führen.

    Im Laufe des Interviews bezieht sich Rindermann an verschiedenen Stellen mal mehr, mal weniger deutlich auf das Konzept der “Menschenrassen” – so spricht er z. B. von genetischen Unterschieden “zwischen den Rassen, wenn man diesen Begriff wählt, also zwischen Weißen, zwischen Schwarzen und zwischen Asiaten als die drei Großgruppen.”

    Schon seit etwa den 1990er Jahren wird in der Wissenschaft diese Theorie der drei “Großrassen” sowie das gesamte Konzept der „Rasse“ verstärkt in Zweifel gezogen.

    So stellte beispielsweise 1995 die Wissenschaftliche Arbeitsgruppe der internationalen UNESCO-Konferenz “Gegen Rassismus, Gewalt und Diskriminierung” fest: „Es gibt keinen wissenschaftlichen Grund, den
    Begriff `Rasse´ weiterhin zu verwenden.“ und forderte dementsprechend, “das überholte Konzept der ,Rasse’ durch Vorstellungen und Schlussfolgerungen zu ersetzen, die auf einem gültigen Verständnis
    genetischer Variation beruhen, das für menschliche Populationen angemessen ist.”
    (Quelle: http://www.uni-oldenburg.de/biodidaktik/BioNew/Kattmann/schwerpunkte/rasse.html)

    Moderne populations- und molekulargenetische Untersuchungen zeigen, dass die herkömmliche Einteilung der Menschheit in „Rassen“ keine wissenschaftliche Grundlage besitzt und daher ad acta gelegt werden
    sollte.

    Manche Wissenschaftler_innen halten die Einteilung der Menschheit in „Rassen“ an sich schon für eine rassistische Theorie, die aus außerwissenschaftlichen Alltagsvorstellungen und sozialpsychologischen
    Bedürfnissen gespeist wird.

    Mag Herr Rindermann in einer apologetischen Stellungnahme zu dem besagten Interview auch betonen, das Thema “Rasse” sei nicht seines – eine klare und deutliche Distanzierung von überholten Rassetheorien findet sich dort leider bis heute nicht. Doch wäre eine solche Distanzierung – angesichts diverser Stellen im Interview, die er selbst als “nicht optimal”, als “ungünstig” bewertet – nicht dringend fällig? Wie besser könnte Herr Rindermann fortgesetzten Spekulationen über rassistische Äußerungen in seinen Publikationen und Interviews begegnen – Spekulationen, die z. B. dadurch immer wieder genährt werden, dass er sich in seinen Veröffentlichungen mehrfach auf den US-amerikanischen „Rasse“-Forscher John Philippe Rushton sowie den Psychologen Arthur Jensen – einen der exponiertesten Akteure im wissenschaftlichen Rassismus – bezieht.

    Sicherlich ist es ebenfalls Wasser auf den Mühlen seiner Kritiker, wenn er in seiner Publikation „The g-Factor of International Cognitive Ability Comparisons“ (2007) von „cultural, educational, social and genetic characteristics of Jews“ (S. 693) schreibt – und so Jüdinnen und Juden in der ganzen Welt nicht vorrangig als religiöse Glaubensgemeinschaft, sondern als genetisch homogene, von anderen Menschen durch ihr Erbmaterial unterschiedene Gruppe – eben als eine Form von “Rasse” – definiert.

    Dabei bezieht sich Rindermann in besagter Studie auf einen Volkmar Weiss und dessen Schrift „Die IQ-Falle. Intelligenz, Sozialstruktur und Politik“ (2000). Diese Schrift erschien in dem rechtsextremen, antisemitischen Grazer Leopold-Stocker-Verlag. Volkmar Weiss, Biologe, Genetiker und ehemaliger Leiter der „Deutschen Zentralstelle für Genealogie“ in Leipzig, stellt seine wissenschaftliche Arbeit auch schon auch mal in den Dienst der NPD: Für die neonazistische Partei saß Weiss als externer Experte in einer Enquetekommission des Sächsischen Landtags zur demografischen Entwicklung.

    Dass Herr Rindermann trotz der breiten öffentlichen Diskussion um das besagte Interview und seine Publikationen als potentieller Anwärter auf eine Professur an der Westfälischen Wilhelms-Universität vorsprechen darf, ist nicht hinnehmbar. Kritische Distanz ist das mindeste, was hier von einer universitären Berufungskommission erwartet werden darf.

    Herr Rindermann sollte solange keine Lehrveranstaltungen anbieten dürfen, bis er sich deutlich von einer wissenschaftlich überholten Rassevorstellung distanziert hat. Es ist fraglich, ob er ohne eine solche Distanzierung als Hochschullehrer tragfähig ist. Mit seinen Äußerungen trägt er – gewollt oder ungewollt – einen rassistischen “Rollback“ in die Wissenschaft.
    An der Universität Münster wird er so nicht willkommen sein.

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